Zitat:
Während er im "Dritten Reich" als Urbild der gesunden deutschen Musik galt, behaupteten im 19. Jahrhundert zahlreiche Ärzte, Kritiker und Schriftsteller ganz anderes: Wagner, so seine Gegner, sei ein entarteter, perverser Homosexueller, dessen Musik zu Hysterie, Unfruchtbarkeit, Wahnsinn und sogar zum Tod führen konnte.
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1872 begann eine ernsthafte medizinische Diskussion über die Gefahren Wagnerscher Musik mit Theodor Puschmanns "Richard Wagner - eine psychiatrische Studie". Puschmann, Arzt und Medizinhistoriker, war dem Komponisten nie begegnet, kannte aber die Skandale. Etwa die Affäre mit Cosima, der Frau seines Kollegen Hans von Bülow.
Puschmann beschrieb, was er als die Symptome Wagners psychischer Krankheit betrachtete. Er verband die sexuellen und moralischen Entgleitungen in Wagners Leben, die "Verkehrtheit der Neigungen, Perversität der Begierden und Wünsche (…) in dem vollständigen Mangel der sittlichen und socialen Gefühle", mit der Wirkung seiner Musik. Den Kompositionen Wagners schrieb er eine "hirnerschütternde Instrumentation und die schauerlichsten Dissonanzen" zu. Er meinte, dass ein Hörer für diese Klänge "Gehörnerven, so dick wie die Schiffstaue" brauche - und stieß mit seinen Theorien auf offene Ohren.
Puschmanns Buch wurde zur wichtigsten Quelle für medizinische Diagnosen wie Max Nordaus "Entartung". In diesem Werk behauptet der Arzt, dass praktisch alle wichtigen Künstler und Intellektuellen des späten 19. Jahrhunderts "entartet" waren, also unter vererbten körperlichen und moralischen Schwächen litten. Wagner aber, so Nordau, sei der krankhafteste von allen gewesen. "Der eine Richard Wagner", ereiferte sich der Mediziner, "ist allein mit einer größeren Menge Degeneration vollgeladen als alle anderen, die wir bisher kennengelernt haben."
Auch der lange überzeugte Wagnerianer Nietzsche griff auf Puschmanns Werk zurück, als er in seiner Schrift "Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem" fragte: "Ist Wagner überhaupt ein Mensch? Ist er nicht eher eine Krankheit?"
Die Vorstellung, dass Wagners Musik Krankheiten auslösen konnte, ist tatsächlich überraschend oft in der Psychiatrie des 19. Jahrhundert zu finden. Der holländische Seelenarzt Jacob van Deventer zum Beispiel bemerkte, dass eine große Zahl seiner geistig gestörten Patienten "leidenschaftliche Liebhaber von Wagnerscher Musik" waren. Der Psychiater und Sexologe Richard von Krafft-Ebing schrieb ebenfalls, dass "durch Überanstrengung der Gehörnerven […] Nervosität und Nervenkrankheit erzeugt werden" könne. Das sei, so meinte er, besonders bei Wagners Musik der Fall: "Es ist doch für jeden ein großer Unterschied, ob er (der Kranke - d. Red.) eine alte classische Oper oder eine moderne, namentlich Wagnersche Oper angehört hat."
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Doch Symptome wie sexuelle Hysterie und Orgasmen waren nicht die einzigen Bedrohungen, denen sich Wagner-Hörer aussetzten. Homosexualität galt damals noch als Leiden - und die Musik des Komponisten als möglicher Auslöser.