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Nun kann auch der Kulturrelativist die hässlichen Seiten des Islams nicht leugnen, und deshalb beeilt er sich, sobald er auf sie zu sprechen kommt, die hässlichen des Christentums hervorzuheben, dergestalt, als wollte man jemanden, der über seinen grippalen Infekt klagt, damit trösten, dass man von dem eigenen, erst unlängst überstandenen berichtet. Die brutalen islamischen Eroberungskriege, die keinen Ungläubigen am Leben ließen – waren die Kreuzzüge nicht ebenso brutal? Der intellektuelle und wissenschaftliche Rückstand des Islams – verdankt die abendländische Kultur ihre Entstehung nicht auch jenen Muslimen, die das griechische Denken ins verkümmerte Europa überliefert haben? Der Terror der Islamisten – erlebten die Christen in Zeiten der Inquisition nicht ähnlich Furchtbares?
Kaum eines dieser Fantasmen hält strenger Überprüfung stand. Sie bestätigen allerdings die größte Tugend abendländischer Kultur: ihre Fähigkeit zur Selbstkritik, ihre leidenschaftliche Zerknirschungslust im Namen einer universalistischen Idee. Nur so war Europa imstande, Anregungen fremder Kulturen mit räuberischer Inbrunst aufzugreifen und für den eigenen Aufstieg zu nutzen.
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Anders der Soziologe Jens Alber, der kürzlich in der FAZ vorgeführt hat, was Kulturrelativismus bedeutet. Er vertrat dort die These, dass man in beiden Religionen, im Christentum wie im Islam, ein ähnlich atavistisches Denken finden könne. Die Aufforderungen zum Glaubenskrieg im Koran ließen sich unterschiedlich interpretieren, sie entsprächen jedoch ganz ähnlichen in der Bibel. Die Stellen, die er aus den Büchern Moses anführt, sind aber nichts anderes als die mythologische Überhöhung jenes göttlichen Beistandes, der es – nach jüdischer Überzeugung – dem Volk Israels in einem historischen Moment ermöglicht hat, den eigenen Monotheismus gegen feindliche Polytheismen zu verteidigen.
Die von Alber angeführten Aufrufe zur Vernichtung des Feindes stammen aus dem Alten Testament und sind vom Christentum niemals als religiöse Botschaft verstanden worden. Niemals gab es unter Christen die Vorstellung, die Ermordung von Andersgläubigen sei göttlicher Auftrag. Und wenn man die Exzesse der Konquistadoren dagegenhält, so gibt es keinen Zweifel daran, dass sie der christlichen Lehre zutiefst widersprechen. Die Entgleisungen der Missionierungskriege haben immer wieder eine harsche innerchristliche Kritik erfahren. Berühmtes Beispiel ist der Bischof Las Casas, der seine Stimme gegen den Völkermord an den Indios erhoben hat (Mitte des 16. Jahrhunderts).
Für die Kulturrelativisten ist der Islam ein ähnliches Übel wie das Christentum. Dieses kennen sie, jenen kaum. Deshalb schien ihnen eine Weile lang die muslimische Einwanderung nach Westeuropa als belebendes, die hiesigen Verhältnisse angenehm aufmischendes Element. Multikulturelle Welt! Endlich Schluss mit dem dumpfen Teutonentum! Dass dies ein Irrtum war, dringt allmählich sogar in die Köpfe der Ideologen. Immer mehr zeigt der Islam jene kriegerische Seite, die von Beginn an eines seiner Merkmale war. Das Schreckensbild einer "Islamisierung" mag zwar für Dresden absurd erscheinen, doch jede Tagesschau zeigt, dass es sie gibt.
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Der Gedanke, die monotheistischen Religionen seien einander im Wesentlichen ähnlich, es empfehle sich also, von beiden Missgeburten Abstand zu halten, führt in die Irre. Es ist kein geringer Unterschied, dass die eine Religion von einem kriegsführenden Feldherrn gegründet wurde und die andere von einem gekreuzigten Wanderprediger; dass die eine Religion an eine Theokratie glaubt und die andere an die zwei Reiche: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist." (Mt 22)
Benedikt XVI. hat in seiner Regensburger Rede (2006) auf den engen Zusammenhang von griechischer Philosophie und christlichem Glauben aufmerksam gemacht und darauf hingewiesen, "dass das Christentum trotz seines Ursprungs und wichtiger Entfaltungen im Orient schließlich seine geschichtlich entscheidende Prägung in Europa gefunden hat. Wir können auch umgekehrt sagen: Diese Begegnung, zu der dann noch das Erbe Roms hinzutritt, hat Europa geschaffen und bleibt die Grundlage dessen, was man mit Recht Europa nennen kann."
Vielleicht wird der Islam eines Tages wirklich zu Europa gehören. Wissen kann man das nicht und wünschen auch nicht.