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Schwarz-weiß-Denken

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25.03.11, 23:34:01

haggard

was ist denn rückhaltlose ehrlichkeit?
26.03.11, 11:14:41

schneeweiß

@ azrael
Wenn man ganz offen und ehrlich seine Meinung sagt, mit den Worten, die einem gerade einfallen. Dabei nicht bedenkt, welche Person man vor sich hat und welche Wirkungen diese ehrliche Meinung bei dieser Person auslösen kann, die einem selbst dann wieder unangenehm werden können.
NA halten sich bei ihren Meinungsäußerungen gern ein "Hintertürchen" offen. Im Notfall kann man dann behaupten, dass man das SO gar nicht gemeint hatte.

@ zoccoly
Kann man zumindest lernen, seine Meinung NICHT zu sagen, wenn man durch die Meinungsäußerung irgendwelche Nachteile für sich befürchten muss?
26.03.11, 11:27:45

zoccoly

geändert von: zoccoly - 26.03.11, 11:30:15

Ich kann nur für mich sprechen.
Wenn es um eine bestimmte Sache geht, dann bin ich gedanklich bei der Sache.
Es scheint bei mir keine Querverbindung zu existieren zu der Frage, ob eine sofortige Meinungsäußerung mir Nachteile bringen würde, denn das ist schon wieder ein anderes Thema, mit dem ich mich dann speziell beschäftigen müsste.
Ob man es lernen kann weiß ich nicht.
Ich bin froh, dass ich es nicht kann oder es nie gelernt habe, denn das gehört zu mir und es ist mir wichtig.
26.03.11, 11:54:40

schneeweiß

Hier wäre vielleicht eine weitere Erklärung für die "Oberflächlichkeit" von NA: Bei mir ist es eher so, dass ich mich nicht ausschließlich auf die Sache konzentriere, sondern bedenke
- Lohnt es sich überhaupt, der Person meine Meinung zu sagen?
- Welche Worte sollte ich am passendsten benutzen?
- Wie deutlich sollte ich werden?
- Wie könnte die Person meine Meinungsäußerung aufnehmen?
usw. usf.
Da kann die Sache schon mal etwas aus dem Blickfeld geraten bzw. wird die Meinungsäußerung eher undeutlich, vorsichtig, abtastend.
26.03.11, 12:19:32

haggard

geändert von: haggard - 26.03.11, 12:19:49

und wie steht es dazu mit dem sprichwort, sich über ungelegte eier keine gedanken machen zu sollen?
26.03.11, 12:42:12

55555

These/Textvorschlag: Der Eindruck des Schwarz-Weiß-Denkens resultiert zu nennenswertem Anteil aus den unterschiedlichen Veranlagungen und der geringen Empathie füreinander. Verschiedene soziale Systematiken können aus Sicht eines fremden sozialen Systems beurteilt als extrem eingeschätzt werden, weil das Verständnis für das fremde System und seine Wirkzusammenhänge fehlt. Wenn in manchen Ländern Asiens sich Einheimische extrem darüber aufregen, wenn man in räumlich engen Situationen über sie als Schlafende hinwegsteigt (dem zugrunde liegt die Vorstellung, daß es den Menschen verunreinigt, wenn jemand den Fuß über den eigenen Kopf hebt, weswegen sie vorziehen geweckt zu werden, wenn jemand vorbeiwill), mag das extrem und sehr unverständlich wirken. Wenn sowieso schon eine Gruppenhierarchie vom Bewertenden angenommen würde, die von der eigenen Höherwertigkeit ausgeht, würde solches Verhalten vermutlich als Beweis von Unzurechnungsfähigkeit oder dergleichen mehr angesehen werden. Das war in vergangenen Zeiten teilweise auch der Fall. Nur weil heute fremde Völker nicht mehr in diesem Maße von vorneherein als geringwertiger angesehen werden (was für NA auch immer mit wirtschaftlicher Macht zu tun hat) sieht man solche Dinge heute als interkulturelle Differenzen an, die man an einigen Universitäten sogar studieren kann.

In Bezug auf Autisten ist die Gesellschaft hingegen noch nicht so weit fortgeschritten und zeigt hier noch immer wieder erhebliche Erkenntnisdefizite, so etwa die Tatsache, daß aus autistischer Sicht durchschnittlich nichtautistisches Verhalten wohl genausoviele Bereiche aufweist, die Autisten als auffälliges Schwarz-Weiß-Denken von NA erscheinen. Auch hier findet sich also wieder einmal als entscheidende Kraft die Arroganz der Mehrheit ihre nicht selbstverständlichen Positionen fälschlich quasi für objektiv zu halten.
26.03.11, 15:54:23

schneeweiß

Zitat von azrael:
und wie steht es dazu mit dem sprichwort, sich über ungelegte eier keine gedanken machen zu sollen?

Dieses Sprichtwort würde ich eher für eine Situation anwenden, in der man über etwas nachdenkt, was noch gar nicht spruchreif ist bzw. dessen möglicher Eintritt noch in weiter Ferne liegt. In dem Moment, in dem ich meine Meinung äußere, ist der Eintritt einer Reaktion meines Gegenübers bereits in naher Zukunft mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Aus meiner (NA)Sicht macht es also durchaus Sinn, sich über diese Reaktion Gedanken zu machen.

@ 55555
Deine Erklärung finde ich plausibel.
26.03.11, 16:10:45

55555

Vielleicht findet jemand noch eine passendere Veranschaulichung (statt der mit dem über Menschen steigen)?
26.03.11, 21:31:06

mockingbird

Aus purer Zickigkeit würde ich den Vergleich mit der holden Ärzteschaft bevorzugen.
Ich kenne keine Gruppierung von Menschen, die dermaßen schwarz-weiß denkt wie die
Ärzte, die ich bisher erlebt habe.

Ich halte meine Ansichten der Welt für ziemlich differenziert. Da ich meistens aber nur
dann etwas zu einem Thema sage, wenn ich mir dazu eben differenzierte Gedanken
gemacht habe und dem entsprechend eine Meinung vertrete, kann das schon auf den
ersten Blick schwarz-weiß wirken - allerdings wird dabei oft die Tatsache übersehen, daß
andere Menschen erst mal "einfach so" eine Meinung vertreten, weil "man" das halt
so macht und eine Meinung zu haben hat.

Zum Thema "Erlernen von Diplomatie": ich stelle mir immer öfter die Frage: ist es mir wirklich
wichtig, daß genau diese Person meine Ansicht kennt? und komme meistens zu dem Schluß:
nö, nicht wirklich! und halte also den Mund, da es mir eben nicht wichtig ist.
Oder ich nehme mein Gegenüber wahr und frage mich, ob meine Worte überhaupt durchdringen
würden oder ob mein Gegenüber nicht eh schon so von sich und seiner Meinung überzeugt ist,
daß ich mir den Atem und die Gedankenenergie auch gleich sparen kann. Meistens ist das der
Fall und daher schweige ich auch da.
Viel weiter reicht meine Diplomatie also nicht, aber das Wenige reicht schon, um viele Probleme
zu vermeiden ...
 
 
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